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Kinderrechte: Brauchen wir die?

Kinderrechte: Brauchen wir die?

In allen Seminaren, die ich über die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen halte, frage ich meine Studentinnen und Studenten, ob sie diese Konvention kennen und vielleicht sogar ihren Text besitzen. Ja, davon gehört hätten sie. Aber was in der Konvention stehe, wüssten sie nicht, und ein Text sei ihnen nie ausgehändigt worden. Nur wenige junge Menschen können mehr über diesen internationalen Vertrag berichten, dem die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1992 beigetreten ist.
Durch ihren Beitritt zu diesem Vertrag hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, "die Grundsätze und Bestimmungen dieses Übereinkommens durch geeignete und wirksame Maßnahmen bei Erwachsenen und auch Kindern allgemein bekannt zu machen" (Artikel 42). Offensichtlich wurde diese Aufgabe in der Bundesrepublik noch nicht zufrieden stellend gelöst, denn nicht nur die Studierenden meiner Seminare bezeugen, dass sie weder von ihren Lehrern noch von ihren Eltern über Rechte der Kinder, nach der Konvention junge Menschen bis zum Alter von 18 Jahren, unterrichtet wurden.
Vielleicht ist das gar nicht nötig, mag eingewendet werden, denn schließlich ist die Bundesrepublik ein Rechtsstaat, in dem Kinder nicht weniger rechtlichen Schutz genießen als Erwachsene. Was nicht gefährdet ist, kann man, wie man so sagt, vergessen. Tatsächlich gab es manche Stimme in den Zeiten der Ratifikation dieses Vertrags, die fragte, ob er nicht völlig überflüssig sei, weil längst alles, was Kinder beträfe, zum Besten geregelt sei. Andere wiederum meinten, dass Kinder bereits viel zu viele Rechte hätten und es wichtiger wäre, sie an ihre Pflichten zu erinnern. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Bundesrepublik wäre neben Somalia und den USA das dritte Land geworden, das den Beitritt zur Kinderrechtskonvention verweigert hätte.
Was bietet denn die Konvention den Kindern und Jugendlichen? Es geht in ihr um Überleben, Schutz, Förderung und Beteiligung. Wer sich nicht damit tröstet, dass es unseren Kindern doch so viel besser geht als den Aids-Waisen in Afrika oder den Straßenkindern in Kalkutta, der wird manches entdecken, worauf auch hierzulande mehr Anstrengung zu richten wäre: Die Kindersterblichkeit ist zwar gering; aber schon bei der Ernährung der Kinder gibt es Probleme, und neue Kinderkrankheiten, etwa Allergien, sollten uns ernst besorgen. Hinsichtlich des Schutzes der Kinder sollte nicht vergessen werden, dass viele Kinder trotz des Gesetzes zur gewaltfreien Erziehung immer noch körperlich misshandelt werden. Beim Thema Förderung ist daran zu erinnern, wie massiv Lernen und Schulerfolg in unserem Land von der so-zialen Herkunft bestimmt werden. Und werden Kinder und Jugendliche wirklich überall beteiligt, wo es um ihre Angelegenheiten und Interessen geht?
Viele Artikel berühren Unterricht und Schule: Werden die Lernpotentiale der Kinder wirklich hervorgelockt? Ist für Bewegung und gute Ernährung gesorgt, vor allem wenn die Schule ganztags arbeitet? Sind Kinder vor Bloßstellungen und Demütigungen geschützt? Wird jegliche Gewalt mit Nachdruck unterbunden? Wird keine Gruppe von Kindern diskriminiert? Werden andere Kulturen und Religionen geachtet? Finden Jüngere wie Ältere Gehör, wenn sie Vorschläge äußern oder Kritik vorbringen? Bitte auf diese Fragen nicht vorschnell mit "Ja, das machen wir längst!" reagieren, denn auch in Schulen, die sich diesen Problemen stellen, lohnt es sich noch einmal zu prüfen, ob Unterricht und Schulleben wirklich den Kinderrechten entsprechen.
Vor allem prüfe man es gemeinsam mit den Kindern, denn durch deren Kommentare treten nicht selten erstaunliche Dinge zutage. Die Kinder sollten auch an der Suche nach Verbesserungen und Alternativen beteiligt werden, weil auch sie die Ergebnisse der Beratungen umsetzen müssen. Es sind ja keineswegs nur Erwachsene, sondern auch die Kinder selber, die Kinderrechte missachten. Wer mit berät und mit beschließt, ist auch in besonderer Weise eingebunden.
Schule zusammen mit den Kindern den Kinderrechten gemäß zu gestalten, ist kein weltfremdes Ideal, sondern dringliche Forderung der sozialen Realität, die auf Menschen wartet, die Verantwortung übernehmen können und gelernt haben, faire, gerechte und fürsorgliche Lösungen auszuhandeln. Die Kinderrechtskonvention stülpt keine Lösungen über, sondern verlangt von allen, die Kinder schützen und fördern, versorgen und bilden, dies um der Persönlichkeitsentwicklung dieser Kinder willen mit den Kindern zu tun, gewiss in einer ihrem Entwicklungsstand angemessenen Weise - herausfordernd und unterstützend zugleich.
Ich wünschte mir sehr, dass die Kinderrechtskonvention zu allen Kindern und ihren Lehrern gelangt. Wir brauchen sie für Kinder, Schule und Gesellschaft.

Quellen: Lothar Krappmann: Kinderrechte - Brauchen wir die? in: Die Grundschulzeitschrift 185/186, 2005, S. 4. (C) Erhard Friedrich Verlag GmbH