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Betzavta

Betzavta

"Demokratie - das sind wir! Wir haben es in der Hand, unser Miteinander in Freiheit kreativ zu gestalten! Demokratie ist eine Lebensform, für die wir selbst verantwortlich sind!"

Klassische politische Bildung vernachlässigt oftmals die lebenspraktische und ganzheitliche Dimension von Demokratie. "Betzavta" ist ein Programm, das Emotionen und Dynamiken von Demokratie in erlebnisorientierter Weise in Seminaren begreifbar macht. Damit stärkt es Handlungsspielräume sowie die Verantwortung und Freude bei der Gestaltung von Demokratie im eigenen Umfeld.

Betzavta heißt auf Deutsch Miteinander.  Das israelische Demokratietrainingsprogramm „Betzavta“ wurde am Adam Institut in Jerusalem entwickelt und wird seit über 30 Jahren in Israel sowohl schulisch als auch außerschulisch von einem jüdisch-arabischen Team eingesetzt.  In Deutschland  hat die Bertelsmann Stiftung 1995 das Centrum für angewandte Politikforschung in München mit der Übersetzung, Adaption und Implementierung beauftragt. Seit  2014 wird das Programm durch die Fortentwicklung „Mehr als eine Demokratie“ ergänzt.  Es werden regelmäßig Kurse zur TrainerInnenausbildung angeboten. Das Programm wird an Schulen, Universitäten und in der LehrerInnen – Aus und Fortbildung angeboten, hat aber auch in der außerschulischen Bildungsarbeit einen festen Platz in der Arbeit mit Ehrenamtlichen oder mit Verwaltungsangestellten und Polizeikräften.

Die Übungen dieses Programms haben alle etwas gemeinsam: sie erfordern Entscheidungen. Egal ob die Übungen spielerisch oder kognitiv anmuten - die Teilnehmenden müssen gemeinsam Entscheidungen treffen oder Position beziehen. Sie müssen sich innerhalb und außerhalb der Übungen immer wieder neu entscheiden, wie sie sich ins Verhältnis zum Rest der Seminargruppe setzen wollen. Die nachfolgende Auswahl an Fragen soll helfen, das Verhalten der Teilnehmenden in einen demokratische Zusammenhang zu setzen und zu reflektieren: Werden sie sich einer  Mehrheit anschließen (können) oder eher eine Minderheitenposition einnehmen (müssen)? Werden sie sich für eine Abstimmung oder einen Konsens stark machen? Werden sie auf einen Kompromiss drängen? Werden sie die Zeit für schwierige Aushandlungsprozesse als vergeudete Zeit bewerten? Werden sie die Meinung vertreten, dass Regeln dazu da sind eingehalten zu werden  oder eher vom Gegenteil überzeugt sein. Werden sie vorgegebene Rahmenbedingungen eher als hilfreich ansehen oder diese immer wieder  hinterfragen? Werden sie eher bedürfnisorientiert oder lösungsorientiert vorgehen?

In jedem Fall wird es die Gelegenheit geben, unterschiedliche Meinungen zu Themen und Vorgehensweisen kennen zu lernen. Möglicherweise wird es zunächst Strategien geben,  die Harmonie in der Gruppe hervorzuheben und die Unterschiede (Konflikte)  gar nicht wahr zu nehmen oder ihre Thematisierung zu vermeiden. Hier kommt die Moderation ins Spiel: Sie setzt nicht nur die Impulse zur Durchführung der verschiedenen Übungen, sie achtet auch darauf, wie die Teilnehmenden mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen von einem „Miteinander“ umgehen. Sie deutet auf mögliche Widersprüche, Konfliktlinien und Dilemmata hin.

Denn im Fokus der Didaktik steht das Dilemma. Die Methode des Jerusalemer Adam Instituts beruht auf der Annahme, dass das die Anerkennung des gleichen Rechts auf freie Entfaltung pädagogisch am besten zu erreichen ist, wenn Menschen lernen, in einem Konfliktfall das demokratische Prinzip hinter einer Gegenposition zu erkennen und als ein gleichberechtigtes Prinzip anzuerkennen.
Wenn das eigene Prinzip (Bsp. Verbindlichkeit) und das gegnerische Prinzip (Flexibilität) gleichwertig werden, gerät man zunächst in einen Zustand der Lähmung und der Entscheidungsunfähigkeit: das Dilemma. Hier gibt es nur einen Ausweg: es muss sich erneut für eine Seite entschieden werden. In den meisten Fällen wird man sich wahrscheinlich für dasselbe Prinzip entscheiden, mit dem man vorab „ins Dilemma gegangen“ ist.  Was ist also gewonnen durch diese „Prozedur“?

Wenn man das Prinzip hinter der Position des anderen nicht mehr als ein gegnerisches und zu bekämpfendes Prinzip bewertet, sondern nur noch als das Prinzip, für das man sich selbst in diesem konkreten Fall nicht entschieden hat, dann fällt es einem möglicherweise zunächst leichter, Position und Person voneinander zu trennen und in einem zweiten Schritt nach einer Lösung des Konflikts zu suchen, die die Freiheit von beiden Parteien so wenig wie möglich einschränkt und im besten Fall sogar erweitert. In einem Konflikt zunächst „ins Dilemma zu gehen“ und dann wieder zurück in den Konflikt klingt möglicherweise ein wenig technisch. Es handelt sich jedoch vielmehr um den Ausdruck einer zutiefst demokratischen Haltung und Bereitschaft: Dem anderen so viel Raum wie möglich zu seiner Entfaltung zu geben und damit ein Klima zu schaffen, das die eigene Entfaltung ebenfalls begünstigt.

Die vier Schritte demokratischer Entscheidungsfindung ergänzen den „Dilemma-Ansatz“ und erleichtern demokratische Entscheidungen in der Hektik des alltäglichen Miteinanders erheblich: Die Prüfung der Bedürfnisse aller Beteiligten (1) hilft zunächst dabei, scheinbare Konflikte zu erkennen und auszuschließen. Die Kenntnis der eigenen und „fremden“ Bedürfnisse führt in einem tatsächlichen Konfliktfall außerdem häufig zu dem Wunsch und der Bereitschaft, nach einer friedlichen Lösung zu suchen. Erst wenn die kreative Veränderung der Situation (2)  nicht möglich ist, soll ein fairer Kompromiss (3) oder eine Abstimmung (4) zu Entscheidungen führen, die von den Konfliktparteien dauerhaft akzeptiert werden können.

„Mehr als eine Demokratie“ basiert auf dem didaktischen Ansatz von „Betzavta/Miteinander“  und ist ein umfassendes Fortbildungskonzept, welches Demokratie und ihre wichtigsten Wertvorstellungen durch die Lupe von sieben Ausprägungen der Demokratie untersucht. Das Programm will durch gezielte Irritation vermeintliche Sicherheiten hinsichtlich ‚richtig und falsch‘ erschüttern und damit einen Beitrag zur Differenzierung und Stärkung der Eigenverantwortung der Demokratie im eigenen Umfeld leisten.

Medien: Literatur, Downloads, Links, Videos

Uki Maroshek-Klarmann (2005): Miteinander.
Adam Institut, Jerusalem / in der Adaption von Susanne Ulrich, Thomas R. Henschel und Eva Oswald. Gütersloh, Verlag Bertelsmann Stiftung, 4. überarbeitete Auflage, 2005, ISBN 3-89204-817.

Maroshek-Klarmann, Uki / Rabi, Saber (2015):
Mehr als eine Demokratie - Sieben verschiedene Demokratieformen verstehen und erleben.
73 Übungen nach der „Betzavta“-Methode. In der Adaption von Susanne Ulrich, Silvia Simbeck und Florian Wenzel 1. Auflage Dezember 2015, 400 Seiten, Verlag Bertelsman Stiftung, Gütersloh.
ISBN 978-3-86793-495-4

Akademie Führung & Kompetenz am Centrum für angewandte Politikforschung
www.cap-akademie.de

Adam Institute for Democracy and Peace, Jerusalem, Israel
www.adaminstitute.org.il

Mehr als eine Demokratie
Das Handbuch / Das Konzept / Das Training / Das Team
www.mehralseinedemokratie.de