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Just Community

Der Begriff „Just Community“ geht auf den amerikanischen Psychologen und Pädagogen Lawrence Kohlberg (1927-1987) zurück. Kohlberg hatte sich zunächst der Erforschung der Entwicklung des moralischen Urteilsvermögens von Kindern und Jugendlichen gewidmet, bald aber auch begonnen, seine Erkenntnisse im pädagogischen Bereich umzusetzen. Erfolgreich wurden Unterrichtsprogramme erprobt, in denen kontroverse Diskussionen über Wertkonflikte (Dilemmadiskussionen) Anstöße für die Weiterentwicklung der moralischen Urteilsfähigkeiten gaben. So nützlich Dilemmadiskussionen in der Schulklasse für die Entwicklung der Kinder sind, stellte sich jedoch heraus, dass eine rein unterrichtliche und kognitive Förderung sehr schnell an Grenzen stößt. Ein Transfer der im Unterricht gewonnenen Erkenntnisse auf den außerschulischen Bereich findet nur begrenzt statt, ihr Einfluss auf moralische Handlungsdispositionen blieb enttäuschend schwach. Der entscheidende Schritt über die Grenzen der Schulklasse und des bloßen Gesprächs hinaus wurde mit der Idee der „Just Community“ getan.

Durch die Einbeziehung der realen Konflikte an der Schule sollte nicht mehr nur das moralische Urteilsvermögen, sondern vor allem auch die Bereitschaft zum moralischen Handeln gefördert werden (Kohlberg 1986). Wie vor ihm schon John Dewey und Jean Piaget vertrat Kohlberg deutlich die Auffassung, dass der Erziehungsauftrag der Schule die Vorbereitung auf eine verantwortliche Teilnahme am Leben der Gesellschaft umfasst, die wiederum sowohl Empathie und soziales Verstehen als auch die Fähigkeit verlangt, sich an realen Gerechtigkeitsdiskursen zu beteiligen. Diese Fähigkeiten lassen sich, so Kohlberg, nur über praktische Erfahrung entwickeln, wie z.B. die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen an schulischen Entscheidungsprozessen (Kohlberg 1970).

Der Entwicklung von Schulen zu sog. „gerechten (und fürsorglichen) Schulgemeinschaften“ liegt eine stark erfahrungs- und entwicklungsbezogene pädagogische Konzeption zugrunde: Soziales Verstehen, Verantwortungsbereitschaft, demokratische Einstellungen – so die Grundannahme – entwickeln sich besser, wenn sie in der alltäglichen Lebenspraxis erwartet und herausgefordert werden. Die Schülerinnen und Schüler werden in solchen Schulen verstärkt in die Gestaltung des Schullebens einbezogen, im sozialen wie im räumlichen Bereich. Fragen des Umgangs miteinander werden gemeinsam besprochen und entschieden; Regelungen für das soziale Leben der Gemeinschaft werden von allen entwickelt und haben für alle Gültigkeit – es findet eine gemeinsame Regelung gemeinsamer Angelegenheiten statt, wie es Hartmut von Hentig (2004) im Zusammenhang mit dem Leitbild der „Schulpolis“ ausgedrückt hat. Fairness, gegenseitige Rücksichtnahme und Verantwortung sind dabei wichtige Zielpunkte.

Die regelmäßige Gemeinschaftsversammlung („Schulversammlung“, „Vollversammlung“) ist der organisatorische Kern im Leben von „gerechten Schulgemeinschaften“. Sie ist das Zentrum des Meinungsaustauschs, der gemeinsamen Planung und Beschlussfassung aller Schulangehörigen (der Schülerinnen und Schüler, der Lehrkräfte, des Hauswarts und gegebenenfalls des weiteren Personals). Die Versammlung wird geplant und geleitet von einer Vorbereitungsgruppe, an der ein oder zwei Lehrkräfte teilhaben, die aber mehrheitlich aus Kindern und Jugendlichen besteht, die unterschiedliche Klassenstufen repräsentieren. Der Ablauf der Versammlungen ist in der Regel eine Mischung aus Plenums- und Kleingruppenarbeit. Der Klassenrat ist das geeignete Gremium, Themen der Gemeinschaftsversammlung vor- und nachzubesprechen, und er ist ein Forum, in dem praktische Kompetenzen geübt werden, die in der großen Versammlung gebraucht werden. Ähnliches gilt für moralische Dilemmadiskussionen – Diskussionen über moralische Wertkonflikte: Sie schärfen den Sinn für Gerechtigkeitsfragen und unterstützen die Entwicklung von Denk- und Argumentationsfähigkeiten. Viele, aber nicht alle bestehenden Just-Community-Schulen haben einen Vermittlungsausschuss eingerichtet, der über die Durchführung der beschlossenen Aktivitäten wacht und bei Konflikten außerhalb des Klassenrahmens berät (zur Praxis von „Just Community“-Schulen in Deutschland und der Schweiz vgl. Althof & Stadelmann 2010).

Die wissenschaftliche Begleitung dieser Schulprojekte zeigt, dass die erhofften Erfolge tatsächlich eintreten. Allerdings geschieht dies nicht automatisch, sondern erst dann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden: Die Kinder und Jugendlichen müssen ihre Mitbeteiligung als relevant erleben; die Demokratie darf nicht zum Palaver über unwichtige Themen verkommen. Die Aktivitäten müssen erfahrungsnah sein, und es muss Raum dafür geschaffen werden, über gemachte Erfahrungen gemeinsam nachzudenken. Erfahrung ohne Reflexion kann blind machen für die Lehren, die daraus gezogen werden können. Hinzu kommt, dass die Lehrkräfte sich über die Ziele und das Vorgehen einig sein müssen, und dass sie bereit sein müssen, wie bei jeder Innovation speziell in der Anfangsphase relativ viel Arbeit zu investieren. Die Erfolgschancen sind dabei umso größer, je mehr eine „Just Community“ nicht als isoliertes Programm des sozialen Lernens verstanden wird, sondern als breit angelegtes Schulentwicklungsprojekt.

Wolfgang Althoff

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Zitierte und weitere empfohlene Literatur

Althof, W./Stadelmann, T. (2010). Demokratische Schulgemeinschaft. In: Edelstein, W./ Frank, S./Sliwka, A. (Hrsg.). Praxisbuch Demokratiepädagogik. Weinheim und Basel: Beltz, S. 20-53

Hentig, H. v. (2004): Die Schule neu denken. Eine Übung in pädagogischer Vernunft. Weinheim: Beltz (Erstausgabe München 1993: Hanser).

Kohlberg, L.: Moralstufen und Moralerwerb. Der kognitiv-entwicklungstheoretische Ansatz. In: x Edelstein, W./Oser, F./Schuster, P. (Hrsg.)(2001): Moralische Erziehung in der Schule. Entwicklungspsychologie und pädagogische Praxis. Weinheim und Basel: Beltz, S. 35-61.

Kohlberg, L. (1970): Education for justice: a modern restatement of the Platonic view. In: Sizer, N./Sizer, T. (Hrsg.): Moral education. Five lectures. Cambridge, MA: Harvard University Press, S. 56-83).

Kohlberg, L. (1986): Der „Just-Community“-Ansatz der Moralerziehung in Theorie und Praxis. In:  Oser, F./Fatke, R./Höffe, O. (Hrsg.): Transformation und Entwicklung. Grundlagen der Moralerziehung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 21-55.

Kohlberg,L. (1995): Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Oser, F./Althof, W. (42001): Moralische Selbstbestimmung. Modelle der Entwicklung und Erziehung im Wertebereich. Stuttgart: Klett-Cotta.

Oser, F.:Acht Strategien der Wert- und Moralerziehung. In: x Edelstein, W./Oser, F./Schuster, P. (Hrsg.)(2001): Moralische Erziehung in der Schule. Entwicklungspsychologie und pädagogische Praxis. Weinheim und Basel: Beltz, S. 63-89.

Oser, F./Althof, W. : Die Gerechte Schulgemeinschaft. Lernen durch Gestaltung des Schullebens. In: x Edelstein, W./Oser, F./Schuster, P. (Hrsg.)(2001): Moralische Erziehung in der Schule. Entwicklungspsychologie und pädagogische Praxis. Weinheim und Basel: Beltz, S. 233-268.

Schuster, P.: Von der Theorie zur Praxis. Wege zur unterrichtspraktischen Umsetzung des Ansatzes von Kohlberg. In: x Edelstein, W./Oser, F./Schuster, P. (Hrsg.)(2001): Moralische Erziehung in der Schule. Entwicklungspsychologie und pädagogische Praxis. Weinheim und Basel: Beltz, S.177-212