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Urteilsbildung

Urteilsbildung

„Die Fähigkeit des Menschen, begründete Urteile zu treffen und sich davon leiten zu lassen, ermöglicht Freiheit des eigenen Denkens, gegenüber den eigenen Emotionen und in der eigenen Lebensgestaltung.“


Sie trägt zur Identität der eigenen Person und ihrer Fähigkeit zur Teilhabe an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen bei. Die Fähigkeit des Menschen, eigene Gründe zu haben, kennzeichnet in anthropologischer Hinsicht den Menschen als handelndes Wesen (Keller). Deshalb kulminieren in der Urteilsbildung die zentralen Ziele schulischer Bildung.
In der Urteilsbildung sind sachliche und moralische Dimensionen verbunden, sie enthält kognitive und emotionale Anteile. Bei der moralischen Urteilsbildung haben Piaget und Kohlberg die kognitiven Anteile  in den Mittelpunkt der Analyse gerückt, heute dagegen richtet sich die Forschung verstärkt auf den Anteil von Intuition und Emotion an der moralischen Urteilbildung.
Aber Emotion und Kognition sind aneinander gebunden. So kann z.B. eine moralische Empörung nur auf der Grundlage eines kognitiven Wertbezugs entstehen. Ebenso sind sachliche und moralische  Dimensionen aneinander gebunden. Denn z.B. basiert eine zweckrationale Urteilsbildung auch auf Werten, da ihre Ziele und Zwecke begründungspflichtig sind und die Begründungen letztlich auch auf Werten beruhen.
Diese Zusammenhänge machen eine theoretische Konzeptionalisierung zum Zwecke der Förderung in der Schule schwierig. In der aktuellen Diskussion wurde ein Kompetenzmodell entwickelt, das folgende Komponenten enthält: Wahrnehmung der moralischer Relevanz einer Handlungssituation, Bewusstmachen der eigenen Einstellungen und Gefühle, Analyse der Sachverhalte und Reflexion der Folgen, ethisches Basiswissen, Perspektivenwechsel (Empathie und Mitempfinden), Argumentieren und Begründen sowie Entscheiden (in Anlehnung an Reitzert&Hößle, die ihr Kompetenzmodell allerdings domänenspezifisch verstehen).
Die genannten Komponenten verdeutlichen, dass die Urteilsbildung umfassender Maßnahmen zur Förderung in der Schule bedarf – nicht nur in den Fächern, sondern auch durch die Schulkultur, nicht nur kognitiv ( ethisches Argumentieren, zweckrationales Denken), sondern auch erfahrungsorientiert (Werte erfahren, moralisches Selbstbild entwickeln) und affektiv (moralische Sensibilisierung). Eine Voraussetzung für eine solche umfassende Förderung ist die Verankerung der Urteilsbildung über alle unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Lernangebote hinweg im schuleigenen Curriculum.
Maßnahmen zur schulischen Förderung moralischer Urteilsbildung sind auf der Ebene der ganzen Schule eine explizite Wertorientierung im Leitbild, die die gesamte Schulkultur sichtbar durchzieht sowie die Institution der Schulversammlung, auf der Ebene der einzelnen Klassen die deliberative Konsensbildung, den Klassenrat und die Dilemmadiskussion (vgl. dazu das Stichwort moralische Erziehung). Eine praxistaugliche und flexibel anwendbare Methode über die moralische Urteilsbildung hinaus sind die „Sieben Regeln der Urteils-Bildung“ (Wolfgang Sander), die auch mit philosophiedidaktischen Methoden der Urteilsbildung kompatibel sind. Für ein Entscheidungsproblem werden Beurteilungskriterien entwickelt und das Problem analysiert. Beurteilungskriterien werden auf den Sachverhalt bezogen und Einzelurteile entwickelt. Eine Gewichtung und Synthese der Einzelurteile führt zum Gesamturteil, das in der Schule veröffentlicht und der Diskussion zugänglich gemacht wird.

Hermann Zöllner

Medien: Literatur, Downloads, Links, Videos

Ammicht Quinn, Regina u.a. (2007): Wertloses Wissen. Fachunterricht als Ort ethischer Reflexion. Bad Heilbrunn
Becker, Georg (2008): Soziale, moralische und demokratische Kompetenzen fördern. Ein Überblick über schulische Förderkonzepte. Weinheim und Basel
Dietrich, Julia (2004): Grundzüge ethischer Urteilsbildung. In: Rohbeck, Johannes (Hrsg. 2004): Ethisch-philosophische Basiskompetenz. Dresden
Edelstein, Wolfgang/Oser, Fritz/ Schuster, Peter (Hrsg. 2001): Moralische Erziehung in der Schule. Weinheim und Basel
Heilinger, Jan-Christopf /Keller,Monika (2010): Deliberation und Intuition in moralischen Entscheidungen und Urteilen. In: Fischer,J./Gruden,S.: Die Struktur der moralischen Orientierung: Interdisziplinäre Perspektiven. Münster
Horster, Detlef/Oelkers, Jürgen (2005): Pädagogik und Ethik. Wiesbaden
Keller, Monika (2005): Moralentwicklung und moralische Sozialisation. In: Horster, Detlef/Oelkers, Jürgen: Pädagogik und Ethik. Wiesbaden
Lind, Georg (2003): Moral ist lehrbar-Handbuch zur Theorie und Praxis moralischer und demokratischer Bildung. München
Massing, Peter(2003): Kategoriale politische Urteilsbildung. In: Kuhn, Hans-Werner: Urteilsbildung im Politikunterricht. Weinheim/Ts
Nida-Rümelin, Julian (2013): Philosophie einer humanen Bildung. Hamburg
Freistaat Sachsen (o.J.): Methodenkompendium Demokratieerziehung an Schulen.  Modul 2.
www.sn.schule.de/~sud/methodenkompendium/module/2/1.htm
Pfeiffer, Volker (2009): Didaktik des Ethikunterrichts. Stuttgart
Reinhardt, Volker(o.J): Urteilsbildung durch fächerverbindenden und projektorientierten Unterricht am Beispiel des Kopftuchurteils des Bundesverfassungsgerichts. In: sowi-online
Sander, Wolfgang/Igelbrink/Brüggen (Hrsg. 2014): UrteilsBildung – eine lösbare pädagogische Herausforderung. Berlin/Münster