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Politische Bildung

Politische Bildung

„Politische Bildung ist so alt wie das Menschengeschlecht“ (Kurt Gerhard Fischer)


Menschen sind anthropologisch aufeinander angewiesen, um überleben und sich entwickeln zu können. Politische Bildung fragt existentiell, wie verschiedene Menschen lernen können, in Würde, Frieden und Freiheit zusammenzuleben.
Dazu benötigt es soziale Intelligenz und eine politische Systembaukunst.
„Das Politische“ bezeichnet eine anthropologische Existenzbedingung der Menschen, ihre unhintergehbare Verschiedenheit und Angewiesenheit aufeinander. „Politik“ kann formal als Aufgabe definiert werden, in interessensheterogenen und konfliktbehafteten Gesellschaften und Staaten mehrheitsfähige, allgemeinverbindliche Entscheidungen herzustellen.
Um politisches Lernen initiieren und gestalten zu können, ist es sinnvoll, zwischen Politik im weiteren sowie engeren Sinne zu unterscheiden: Nicht alles ist politisch, aber jeder Sachverhalt kann zum kontroversen Gegenstand öffentlicher Diskussion und politischer Entscheidung werden.
Die angelsächsische Tradition verlagert die normative Perspektive politischer Bildung früh vom Nationalstaat auf die Zivilgesellschaft. Das einflussreiche Werk von John Dewey konzipiert Demokratie als Lern- und Experimentiergemeinschaft. Ein wesentliches Anliegen der Demokratiepädagogik ist es, soziales, gesellschaftliches und politisches Lernen sinnhaft und lernproduktiv miteinander zu verbinden. Das Erleben von Selbstwirksamkeit in sozialen, gesellschaftlichen und politischen Prozessen wird als Movens politischen Lernens prononciert. Demokratische politische Bildung zielt auf Mündigkeit durch Emanzipation, Aufklärung und Ideologiekritik.
Es gilt das Primat des Subjekts vor der Politik. Der „Beutelsbacher Konsens“ (1976) sowie das „Magdeburger Manifest der Demokratiepädagogik“ (2005) formulieren entsprechende Kriterien professionellen politischbildnerischen Handelns:

Beutelsbacher Konsens                       

• - Überwätigungsverbot                      

• - Kontroversitätsgebot
• - Interessensorientierung

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Manifest der Demokratiepädagogik

Inklusion und Partizipation
• Deliberation
• Effizienz
• Transparenz
• Legitimität

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Politische Bildung fördert demokratiebezogene Kompetenzen mündiger BürgerInnen. Dazu zählen z.B. Perspektivenübernahme, Konfliktfähigkeit, sozialwissenschaftliche Analysefähigkeit, politische Urteilskraft und Partizipationsfähigkeit. Abstraktes und systemisches Denken sowie konsequenter Einbezug von Alternativen ist die Voraussetzung für eine kontextspezifische gesellschaftliche Urteils- und Handlungskompetenz und das Verständnis von Institutionen, Gesetzen und Wirkungszusammenhängen.

Die „Mondialisierung“ in der „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck) pluralisiert die Bezugsrahmen und Zielhorizonte politischer Bildung auf lokaler, nationaler, europäischer und weltbürgerlicher Ebene. Eine kosmopolitisches Bürgermodellschätzt die Differenzen zwischen Menschen und anerkennt die universellen Menschenrechte voraussetzungslos als Grundlage politischen Denkens und Handelns.

Politikbezogene Kenntnisse, Fähigkeiten, Einstellungen und Werte werden im gesamten Lebenslauf in latenten und manifesten, informellen und formellen Sozialisationsprozessen erworben (Familie, Kindertagesstätten, Peer-Group,
Massenmedien etc.). „Unpolitische“ Kinder und Jugendliche kann es deshalb nicht geben. Um generationenspezifische Gesellschafts- und Politikvorstellungen sowie entwicklungsbedingte Vorstellungen zu erkennen, benötigen politische BildnerInnen eine professionelle diagnostische Kompetenz (Anerkennung, Wertschätzung).
Jugendsoziologische Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten mehrheitlich befürworten und dass sie sich sozial wie gesellschaftlich engagieren möchten. Eine Aufgabe der Demokratiepädagogik ist es deshalb, „entgegenkommende Verhältnisse“ (Jürgen Habermas) zu schaffen, um politische Bildungsprozesse zu unterstützen und politischem Extremismus entgegenzuwirken.


In demokratischen und pluralistischen Gesellschaften sollen die interdependenten Teilsysteme Politik und Pädagogik in einem nicht-hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Das Modell der westlichen Demokratie ist als entwicklungsoffenes und fehlerfreundliches System konzipiert. In der politischen Bildung gestaltet der lernende Mensch die lernende Gesellschaft. Urteils- und Partizipationsfähigkeit als Erziehungsziele können sich deshalb nicht an erziehungsstaatlichen Idealen orientieren. Politische Bildung trägt dazu bei, jüngere Generationen auf die Erneuerung einer gemeinsam geteilten Welt vorzubereiten. Dem widerspricht, Kinder und Jugendliche für die politischen Interessen der Erwachsenen zu funktionalisieren.
stark gekürzte und veränderte Fassung des Artikels „Politische Erziehung“ (Tilman Grammes, Christian Welniak)
aus: Sandfuchs, U. u.a. (Hrsg.): Handbuch Erziehung, Bad Heilbrunn 2012, S. 676-681.)

Tilman Grammes und Christian Welniak unter Mitarbeit von Wolfgang Beutel

Medien: Literatur, Downloads, Links, Videos

Einführungen und Orientierungen
Sander, W. (Hrsg.): Handbuch politische Bildung, Schwalbach/Ts. 2014.
Petrik, A.: Von den Schwierigkeiten, ein politischer Mensch zu werden. Konzept und Praxis einer genetischen Politikdidaktik, Opladen 2013.
Lösch, B. & Thimmel, A., (Hrsg.): Kritische politische Bildung. Ein Handbuch, Schwalbach./Ts. 2010.

Aktuelle Perspektiven internationaler politischer Bildung
Journal of Social Science Education: www.jsse.org

Materialien und Informationen zu Veranstaltungen etc.:
Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung: www.bpb.de